ISOLOSE BILDSENSOREN

AKTUELLE DIGITALE BILDVERARBEITUNG IM VERGLEICH
ZUM ANALOGEN FILM

Von: Kai Hormann

Eigentlich sollte sich ein Landschafts-Fotograf seinem Motiv eher emotional, als von der technischen Seite nähern. Kurz gesagt, man sollte die Kamera einfach auslösen, wenn der Mund offen steht. ;-)

Leider gibt aber es manchmal Situationen, in denen das Auge des Fotografen mehr sieht, als die Kamera aufnehmen kann. Dieses Problem ist natürlich nicht neu und schon vor über 70 Jahren haben sich berühmte Fotografen wie Ansel Adams um eine Lösung bemüht. Das hierbei von Ansel Adams ins Leben gerufene Zonensystem teilt hierbei den Inhalt einer Aufnahme in 10 Helligkeits -Zonen ein. Diese Zonen verteilen sich von 0 ( reines Schwarz ) bis 10 ( reines Weiß ) und dienten dazu, einen (chemischen) Plan-Film so zu belichten, dass möglichst alle Zonen ( Helligkeitswerte ) in einer Aufnahme erhalten blieben.

Durch die passende Wahl des Negativ-Filmmaterial und einem jeweils passenden Entwicklungsprozess, konnte im Bereich Großformat auch schon im Vorfeld Einfluss auf die Kontrastwerte ( Dynamikumfang ) einer Aufnahme genommen werden. Die eigentliche Arbeit bei der Entstehung seiner berühmten Bilder spielte sich in der Dunkelkammer ab. Ansel Adams hat die Technik des „Abwedeln“ ( Aufhellen von Bildbereichen ) und des „Nachbelichten“ ( Abdunkeln von Bildbereichen ) perfektioniert und damit quasi die HDR ( High Dynamik Range ) Technik schon Anfang der 40er Jahre des letzen Jahrhunderts Ins Leben gerufen.

Normalerweise werden beim „Abwedeln/Nachbelichten“ die zu bearbeitenden Bereiche mit einer, passend zugeschnittenen Papp-Schablone, gezielt mit mehr oder weniger Licht versorgt, wenn ein Papierabzug vom Negativ erstellt wird. Ansel Adams ist hier noch einen Schritt weiter gegangen: Mit einem, von Ihm selbst entwickelten und gebauten Belichtungs-Geräts, konnte das Negativ-Material, mit Hilfe von mehreren Lichtquellen individuell auf das entsprechende Fotopapier ausbelichtet werden und gab damit seinen Aufnahmen diese unvergleichliche plastische Ausdruckskraft und Tiefe.

Heute, ca, 70 Jahre später, gibt es die Probleme mit extremen Kontrasten natürlich immer noch, aber mit Hilfe der Digitaltechnik und der damit aufgenommenen Rohdaten, können wir auf auf andere, bequemere Lösungen zurückgreifen. 

Ansel Adams Zonensystem

Das von Ansel Adams entwickelte Zonensystem: Die Grauwerte dienen hier nur zu Veranschaulichung der ungefähren Helligkeit.
Ein Wert von 2 kann beispielsweise auch ein sehr dunkeles Grün sein.

Ob man mit diesem System arbeitet, oder sich lieber auf seine Intuition verlässt, bleibt natürlich Jedem selbst überlassen. In damaligen Zeiten, in denen man noch mit Großformat-Kamera und sehr begrenzten Film-Vorrat unterwegs war, konnte dieses Wissen vermutlich so manche böse Überraschung vermeiden.

ISOlose Bildsensoren?

In jüngerer Zeit ist im Netz immer häufiger der Begriff: ISOloser Sensor ( eng. ISOless sensor ) zu finden. Was es damit auf sich hat, versuche ich heraus zu finden.

Zu Erklärung muß man sich erst einmal vor Augen führen, was ein ISO Wert eigentlich darstellt. Im Bereich Analog Film wird die Lichtempfindlichkeit ( Filmempfindlichkeit ) mit Hilfe von unterschiedlichen Materialien und insbesondere durch unterschiedliche Korn-Größen des Materials gesteuert. Um Hersteller- übergreifend eine passende Belichtung zu erzielen, wurde die Filmempfindlichkeit in ISO Werten genormt. Ein niedriger ISO Wert wie z.B. ISO100 kennzeichnet eine niedrigere Filmempfindlichkeit als ein Film mit beispielsweise ISO800. Der Nachteil des Hochempfindlichen Filmmaterials war allerdings ein gröberes Korn und somit eine reduzierte Detailzeichnung ( Auflösung ).

In der Digital Technik wurden diese ISO Werte übernommen, um die Lichtempfindlichkeit des Sensors, mit Hilfe von Signalverstärkung, zu kennzeichnen und zu steuern. Allerdings kann ein Bildsensor in der Regel nicht aus einer Kamera herausgenommen und in eine andere Kamera eingesetzt werden, so dass die festgelegten ( genormten ) ISO Werte eigentlich keinen Sinn mehr ergeben. Viele Kamera Hersteller bieten deshalb auch eine feinere Abstufung in der Kamera an, um zwischen ISO100 und ISO200 beispielweise noch ISO125 oder ISO160 einstellen zu können. Auch diese feinere Abstufung ist im Prinzip überflüssig, da die Signalverstärkung eigentlich stufenlos arbeiten kann. Somit ist normalerweise jeder moderne Bildsensor in einer Digitalkamera ISOlos, wenn er von der Kamerasoftware keine Grenzen gesetzt bekäme.

Bei einigen Kamera ( Sensor ) Herstellern hat man aber offensichtlich begonnen, diese Grenze quasi durch die Hintertür zu umgehen. Dies bedeutet, dass bis zu einer bestimmten Obergrenze ( je nach Hersteller bis ca. ISO800 - 1600 ) gar keine ISO Werte mehr in die Rohdaten geschrieben werden. Ein Bild, das mit ISO800 und passender Belichtung aufgenommen wurde, müsste eigentlich genauso aussehen wie eine ISO100 Aufnahme die mit der gleichen Belichtungszeit extrem unterbelichtet wäre, aber im Rohdaten- Programm ( z.B. Lightroom oder Photoshop ) um den passenden Blendenwert nach oben korrigiert wurde.

Da ich mit der Sony A7R eine Kamera mit diesen Eigenschaften besitze, habe ich einmal den oben beschriebenen Test gemacht.

Hier das sehr interessante Ergebnis:

Anhand der Testaufnahmen ist zu erkennen, dass die Sony, zumindest bis ISO800 offensichtlich keine ISO Daten in die RAW-Datei schreibt. Das Ergebnis der regulären ISO800 Aufnahme ist auch in der 100% Ansicht nahezu identisch mit der, in Adobe Camera RAW 9 um +3 Blendenstufen nach oben korrigierten unterbelichteten ISO100 Aufnahme.

Auch wenn ich nach wie vor ein Problem mit dem Begriff: „ISOlos“ habe, scheint die Signalverarbeitung der Sony gänzlich anders zu laufen als beispielsweise bei Canon. Natürlich hindert mich dies nicht, mit meinen Canon Kameras zu fotografieren, aber diese Möglichkeiten besitzen sie, zumindest zum Zeitpunkt dieses Test nicht.

Auswirkungen und Möglichkeiten in der Praxis:

Normalerweise habe ich bisher, gerade im Bereich Landschaftsfotografie, immer möglichst so ausgewogen belichtet, dass möglichst viele Dynamik-Reserven nach oben und unten vorhanden sind. Im Zonensystem entspräche dies einer Konzentration auf die Werte 4-6. Bei Landschaften mit klar abgegrenzten Horizont kann man die hohen Kontraste ( Dynamikwerte ) zwar auch mit einem ND-Verlauffilter gut In den Griff bekommen, es gibt aber Motive, die diese Filter-Art nicht zulassen, da keine horizontale Grenze im Bild ist. Auch Bewegungen im Bild wie, z.B. Vom Wind bewegte Gräser oder Blätter können zum Problem werden, da sie bei längerer Belichtung zu Bewegungs-Unschärfen führen. Man musste sich also im Zweifelsfall mit einer Belichtungsreihe helfen, oder eine reduzierte Dynamik einfach in Kauf nehmen.

Die neuen Bildsensoren erfordern ein kleines Umdenken, da, wieder am Beispiel des Zonensytems, nicht mehr die Werte 4-6 von größerer Bedeutung sind, sondern im Einzelfall auch die hellen Bereiche 7-9. Die extremen Reserven in den dunklen Bildbereichen können dazu genutzt werden, um aus einer schwierigen Kontrast-Situation heraus eine brauchbare Aufnahme zu machen. Dabei muss man im RAW Konverter noch nicht einmal den Belichtungs-Regler komplett nach oben ziehen. Mit Hilfe des Tiefen-Reglers und der Gradationskurve kann man gezielt dunkle Bereiche aufhellen ohne die Lichter zu beeinträchtigen. Natürlich sollte man im Normalfall immer passend belichten, aber gerade in Grenzsituationen kann das Wissen um diese Reserven durchaus sehr wertvoll sein.

Beispiel:

Eine Typische Szene aus dem westlichen großen Torfmoor bei Lübbecke : Eine Baumgruppe im Vordergrund, ein Moorsee in dem sich der immer noch relativ helle Abendhimmel spiegelt und ein leichter Windhauch, der bewirkt, dass die Blätter zu bewegen. Überbelichtete Bildteile sind auch mit einem RAW- Programm nur in engen Grenzen wieder herstellbar. Lichter, die einmal „ausgefressen“ also zu stark belichtet wurden, sind definitiv verloren. Im unten gezeigten Beispiel ist der hellste Bereich der Himmel, der somit passend belichtet wurde.

Kamera: Sony A7R, Objektiv: Sigma 12-24 EX f 11 ISO 100 1/40 Sek. ( -3 Blenden )

Das eigentlich Bemerkenswerte dieser wirklich spannenden Sensor/Kameraeigenschaft ist für mich aber Folgendes:

Die „Marketing Strategen“ der Kameraindustrie versuchen uns jede, sei es auch noch so dämliche Gesichts- Lächel- oder von mir aus auch Furz-Erkennung als das Nonplusultra- Totschlagargument für den Kauf einer Kamera unter die Nase zu reiben. Aber diese wirkliche Innovation wird einfach unter den Tisch fallen gelassen…

…eigentlich gut so, denn jedes neue feature wurde bisher noch für Preiserhöhungen missbraucht! :-)

In diesem Sinne : Viel Spaß hinter der Kamera und in der Botanik ! ;-)

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Fotopunkte:


Großes Torfmoor & Wiehengebirge


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Natur- und Landschaftsfotografie aus dem Kreis Minden-Lübbecke. © Kai Hormann 2006-2021
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